Räume im Exzess: Die Verschleifung von Realität und Virtualität. Interview mit Jochen Eisentraut

17 05 2011

Der Berliner Architekt und Künstler Jochen Eisentraut schafft Bilder, die oft Grenzgänge zwischen Kunst und Architektur, aber auch zwischen den Medien sind: Gezeichnete Skizzen überträgt er in den Computer und verwandelt sie dort in dreidimensionale räumliche Gebilde. Linienwirbel fügen sich zusammen zu überraschenden, komplexen Ansichten.

Wandler in exzessiven Welten, 2010

Wandler in exzessiven Welten, 2010

Eine wichtige Rolle spielt für Eisentraut dabei die Emotionalität, die gerade in der häufig durchrationalisierten Architektur untergeht. Seine Räume sind experimentelle Räume im Exzess, in der dionysischen Ekstase oder im magischen Glühen von Licht und Klängen: Sichtbar gemachte Möglichkeitswelten, die als Gegensetzungen zu den rationalen Gegenwartsräume Irritationen schaffen können.

Im Mai sind Arbeiten von Jochen Eisentraut in der Gruppenausstellung “crossart international goes Hamburg” – zusammen mit Anja-Alexandra Kaufhold, Kerstin Kleemann, Thomas Demuth und Bernd Müller – in der rimaju-Galerie in Hamburg zu sehen (7. – 28. Mai 2011)

Ende August werden Arbeiten von ihm gemeinsam mit einem Fotokünstler in Berlin zu sehen sein. Gezeigt werden unter anderem zwei farbintensive Werke aus der Serie „Magische Räume – Raumskizzen zu Brahms, Sinfonie Nr. 4“ vom letzten Jahr.

Im Interview mit deconarch.com erläutert Jochen Eisentraut seine Arbeitsweise mit Skizze und Computer, spricht über den wechselseitigen Einfluss von Architektur und Kunst und über die besondere Bedeutung gebauter Strukturen – real ebenso wie virtuell.

(c) Abb. Jochen Eisentraut,

www.jochen-eisentraut.de

INTERVIEW

Jochen Eisentraut, Sie übertragen gezeichnete Skizzen in den Computer und bearbeiten sie dort weiter. Welche Vorteile bietet diese Vorgehensweise?

Dionysischer Raum im goldenen Lichtrausch, 2009

Dionysischer Raum im goldenen Lichtrausch, 2009

Mit Hilfe von Skizzen kann man sehr schnell Ideen visualisieren, ohne diese ganz konkret ausformulieren zu müssen. Skizzen bleiben bewusst im Vagen, lassen Interpretationsmöglichkeiten offen. Indem ich die gezeichneten Linien vom Blatt löse und sie frei in den virtuellen Raum stelle, behalte ich die Unschärfe bei, erweitere aber die Möglichkeit des Skizzierens um eine räumliche Dimension. Das gezeichnete Linienwerk lässt sich zu räumlichen Gebilden zusammen- und in Szene setzen. Beim virtuellen Durchwandern bin ich selbst immer wieder fasziniert und überrascht von der Komplexität der neu geschaffenen Räume.

Welche Möglichkeiten bietet die künstlerische Ausdrucksweise?

Rein technisch erweitert der Computer meine künstlerische Ausdrucksweise enorm, indem er etwa die in den virtuellen Raum transformierten Linien aus verschiedenen Richtungen beleuchten oder betrachten lässt. Da aus den Linien ein dreidimensionales Flechtwerk entsteht, lassen sich natürlich auch stereoskopische Bilder erzeugen.

Künstlerisch interessant ist für mich aber vor allem die den Bildern eingeschriebene Ambivalenz, die es erlaubt, latente Schwebezustände, etwa zwischen Architektur und Natur, oder allgemeiner zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit, darzustellen. Die Bilder werden so zu Projektionsflächen, die je nach Betrachtungsintention changieren oder bestehende Abgrenzungen in Frage stellen.

Latente Architekturen II, 2008

Latente Architekturen II, 2008

 

(Wie) beeinflussen sich Architektur und Kunst gegenseitig?

Künstler wie Olafur Eliasson arbeiten ja oft hochgradig raum- und architekturbezogen, spielen geschickt mit unserer Wahrnehmung und liefern Anschauungsbeispiele atmosphärisch dichter Räume. Solche Konzepte atmosphärischer Inszenierung sind für die Architektur sehr aufschlussreich. Versuche, Kunst nachträglich an Architektur an- oder unterzubringen – die sogenannte Kunst am Bau finde ich dagegen oft unbefriedigend.

Viel interessanter wird es, wenn Architekt und Künstler von Anfang an konzeptionell zusammenarbeiten. Ein aufregendes Beispiel ist ein kürzlich fertig gestelltes Hotel in Wien, das der Architekt Jean Nouvel zusammen mit mehreren Künstlern entwickelt hat. Insbesondere die Lichtdecken der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist sind zu einem wesentlichen Element der Architektur geworden. Ein anderes gelungenes Projekt ist die Eberswalder Bibliothek von Herzog & de Meuron mit ihren bedruckten Fassadenelementen. Hier wird die Architektur ihrer integrativen Rolle für die anderen Künste wieder gerecht.

Latente Architekten II, 2008 | Dynamischer Raum, 2008 | Götzengeraune, 2009

Latente Architekten II, 2008 | Dynamischer Raum, 2008 | Götzengeraune, 2009

 

Und wie beeinflussen sich Architektur und Kunst in Ihrer Arbeit?

Am liebsten würde ich behaupten, dass es in meiner Arbeit gar keine Trennung zwischen Architektur und Kunst gibt, was sich allerdings zumindest für die architektonische Arbeit mit ihren massiven Sachzwängen nicht aufrecht erhalten ließe. Immerhin gibt es vielfältige wechselseitige Einflüsse. Ausgangspunkt meiner künstlerischen Projekte sind oft archetypische Elemente aus der Architektur – ein Kuppelraum, eine Pyramide, eine Passage oder eine Urhütte – die dann eine Metamorphose erfahren. Die neu entstandenen Bilder können dann durchaus in architektonische Konzepte zurückfließen – beispielsweise wird man in einigen Entwurfsskizzen Motive meiner Bilderserie zu latenten Architekturen wiederfinden. Es gibt auch Themen, die mich in der Architektur interessieren, die ich aber erstmal besser künstlerisch ausprobieren kann – etwa die Idee eines barocken Geistes, der einen Raum zum Bersten bringt.

Latente Architekturen, 2008

Latente Architekturen, 2008

Ich will zukünftig noch mehr darüber nachdenken, wie man die künstlerischen Ergebnisse mit Architektur verschmelzen kann, diese also anders in Architektur einbringen kann, als nur ein Bild an die Wand zu hängen – wobei ich Bilder durchaus als etwas sehr schönes und beruhigendes empfinde.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

Ich setze in meinen Arbeiten Begriffe wie Lust, Glück, Magie, Aura und Spiel gegen eine Entzauberung der Welt durch Rationalität und Askese. Die dargestellten Räume im Exzess, in der dionysischen Ekstase oder im magischen Glühen von Licht und Klängen sind Entwürfe gegen eine durchrationalisierte, auf industrielle Standards reduzierte, den Gesetzen von Marktwert und Rentabilität unterworfene Raumproduktion. Es sind experimentelle Räume, Fluchtorte und zugleich sichtbar gemachte Möglichkeitswelten, die als Gegensetzungen oder Einstülpungen in die rationalen Gegenwartsräume Irritationen schaffen können. Die Konstruktion von Räumen und Orten – fiktiv oder real – ist ja immer auch ein politisch konnotierter Akt.

Wie finden Sie Ihre Motive und Themen?

Den theoretischen Hintergrund bilden philosophisch-soziologische Texte von Nietzsche über Luhmann bis hin zu Robert Pfaller. Besonders letzterer hat mir die Augen geöffnet bezüglich der Lustfeindlichkeit unserer neoliberalen Kultur.

Flug des Vogel-Haus, 2009

Flug des Vogel-Haus, 2009

Oft sind natürlich architektonisch-räumliche Fragen Ausgangspunkt, wobei viele Arbeiten aus der Konfrontation (und anschließenden Verschleifung) von Gegensätzlichkeiten entstehen. So war zum Beispiel für die Serie mit dem Titel „Der Vogel Haus“ ein zeremonielles Vogelhaus aus Papua-Neuguinea die erste Inspiration. In meiner Arbeit habe ich das Motiv dann zu einem merkwürdigen Zwitterwesen zwischen einem Vogel und einem Haus verarbeitet. Auch die Musik bildet eine interessante Inspirationsquelle, vielleicht, weil sie mit Perfektion Rausch und Lust erzeugen kann.

Würden Sie uns ein Projekt näher vorstellen?

Ein paradigmatisches Projekt ist die Bilderserie „Tanz eines dionysischen Raumes“. Im Hinterkopf hatte ich dabei nicht nur Nietzsches dionysisches Prinzip in der Kunst, sondern ganz anschaulich auch die Techno-Clubs, die im Berlin der 1990er Jahre entstanden. Das waren für mich dionysische Gegenwelten, Fluchtorte der temporären Ekstase und des Rausches, abgeschirmt von der Außenwelt und mit einer ganz eigenen, flüchtigen Ästhetik. Für meine Bilderserie habe ich einen Raum aus einer Pyramide (also einer geometrisch-rationalen Form) konstruiert, in den ich ekstatisch bewegte Formen eingetragen und so den Raum in einen rauschhaften Tanz versetzt habe. Dabei entstehen im spielerischen Umgang mit dem virtuellen Material manchmal flüchtige Gebilde wie die einer Phallusfigur, die in einem Bild erscheinen und im nächsten wieder mit dem Raum verschmelzen. Vielleicht denkt man dabei auch an den Planet Solaris aus dem gleichnamigen Buch von Stanislaw Lem, der aus seiner Substanz Trugbilder schafft, die sich gleich darauf wieder verflüchtigen.

 

Raumgewebe im Rausch des Tanzes, 2009

Raumgewebe im Rausch des Tanzes, 2009

Was ist charakteristisch für Ihre Arbeit – in Ihren Worten?

Ein besonderes Charakteristikum ist sicherlich die Verschleifung von Realität und Virtualität, also von analogen, handgefertigten Skizzen mit den Möglichkeiten dreidimensionaler Computertechnik. Das gibt den Bildern eine oszillierende Hybridität, die sich oft auch in den Inhalten fortsetzt.

Zum Abschluss noch eine allgemeine Frage: Welche Bedeutung hat Architektur, die gebaute Umwelt für uns?

Als Architekt muss man sich der gesellschaftlichen Verantwortung, die mit der Herstellung neuer gebauter Wirklichkeiten einhergeht, bewusst sein. Die meisten Menschen werden den gebauten Strukturen unterworfen, ohne darauf Einfluss nehmen zu können. Deshalb halte ich soziologische Fragen nach gegenwärtigen soziokulturellen Rahmenbedingungen und menschlichen Bedürfnissen für sehr wichtige Parameter der Planung. Mich interessiert zum Beispiel, wie Architektur und Stadtplanung auf den in jüngster Zeit immer wieder diagnostizierten spielerischen Umgang der Menschen mit ihrer eigenen Identität reagieren kann. Die strukturellen Umwälzungen der digitalen Revolution bedingen wohl ebenfalls eine Neuverortung der Menschen, die wir bislang kaum erfasst haben

Jochen Eisentraut, haben Sie herzlichen Dank für das Interview!

 

 




Kunst im Stadtumbau Gespräch in der Galerie M im Rahmen der Stadtumbauwoche Berlin

11 10 2009

Das Gespräch im Rahmen der Berliner Stadtumbauwoche soll Fragen zum Umgang mit der Kunst im öffentlichen Raum im Rahmen des Stadtumbauprozesses thematisieren. Ist die Umsetzung ortlos gewordener Kunst an neue Standorte möglich oder hat sie mit dem Verlust des Ortes ihre Funktion verloren? Diese und weitere Fragen zum Thema stehen am 11.10.09 ab 18.00 Uhr in der Galerie M zur Diskussion.

The talk about “Kunst im Stadtumbau” (Art and Urban Reconstruction) thematizes questions on how to deal with art in public spaces during urban reconstruction measurements. Is it possible to move art works created for a certain public space to a new location (when the original location gets changed) or has it lost its value with the loss of the original position?


The discussion takes place at Galerie M, Berlin (11.10.09, 18h), and is part of the “Stadtumbauwoche Berlin 2009″, an event to raise awareness for urban reconstructive developments in the different districts of Berlin.

Stadtumbau_vorn2 Kopie-

Kunst im Stadtumbau, Gespräch

Galerie M

www.galerie-mh.de
www.kunstraum-m.de

18.00-20.00h, 11.10.09

Gäste:
Josephine Günschel , Künstlerin
Thorsten Goldberg, Künstler
Bruno Ebersbach, Architekt
Gabriele Pütz, Landschaftsplanerin
Norbert Lüdtke, Bezirksstadtrat für ökologische Stadtentwicklung, Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf
NN, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

Moderation:

Peter Funken

Foto: Karin Scheel

Fassade von Jim Avignon, Marzahn, Foto: Karin Scheel

Mit dem Bau der Großsiedlung Marzahn-Hellersdorf entstanden vor 30 Jahren auch die ersten Werke von Kunst im öffentlichen Raum. Sie waren vorwiegend architekturbezogen und schmückten die Eingänge von Kindereinrichtungen, die Räume der ersten Gaststätten oder die Fassaden von Schulgebäuden. Sie waren das Startsignal für ein bis heute einmaliges Kunstprogramm in einem neu geschaffenen Stadtraum. Nach Abzug der Baukombinate legte das Kunstprogramm für die Großsiedlungen einen Zwischenstopp ein. Im Zuge der Maßnahmen zur Wohnumfeldverbesserung lebte es in den 1990er Jahren vor allem in Hellersdorf wieder auf. Im Unterschied zu den 1980er Jahren kam nun vielfach das Verfahren des Kunstwettbewerbs für vordefinierte Standorte zum Zuge. Der Beginn des neuen Jahrtausends stand unter dem Vorzeichen des Stadtumbaus und stellte die Kunst im öffentlichen Raum vielfach auf eine harte Probe. Im Zuge von Rückbaumaßnahmen konnten nicht alle Kunstwerke erhalten werden.
Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf hat von Anfang an die Kunst im öffentlichen Raum als Bestandteil des Stadtumbau-Programms vorgesehen und eine Bestandsaufnahme veranlasst. In deren Folge wurden einzelne Kunstwerke konservatorisch abgenommen, gesichert und in einem Schaudepot „Zwischenablage“ (Riesaer Str. 94) erneut präsentiert und der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ein deutschlandweit bislang einmaliges Projekt für einen zeitgemäßen Umgang mit Kunstwerken, die ihren Standort verloren haben.
Seit kurzem liegt mit dem Buch „Kunst in der Großsiedlung“ eine umfassende Dokumentation von 462 Gestaltungen vor, die den Stadtraum der Großsiedlung geprägt haben.

Stadtumbauwoche 2009

Mit der Stadtumbauwoche möchte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit den Bezirksverwaltungen, ihren Beauftragten und programmbeteiligten Akteuren die Bürger und Bürgerinnen der Stadt auf die Vielfalt der Stadtumbauaktivitäten sowie beispielhafte und innovative Veränderungen aufmerksam machen, die sich im Kontext des Stadtumbaus in vielen Stadtteilen vollziehen.

Infos + Bilder: Galerie M und Stadtumbau Berlin




Beton.org: Kunst aus Beton

15 07 2009

Den für die Kunst eher ungewohnten Werkstoff Beton machen sich einige Künstler zu Nutze. Bereits vorgestellt habe ich Mirko Stefan Elfert, der mit diesem Material arbeitet. Tatsächlich gibt es noch weitere Künstler, die mit Beton arbeiten. Die Seite beton.org stellt neben M. S. Elfert noch eine weitere Auswahl vor. Vor allem im Bereich der Objektkunst finden sich einige Positionen, die eine intensivere Auseinandersetzung lohnen.

The German website Beton.org – run by the marketing representation of German concrete industries – provides a little collection of artists working with concrete (among them Mirko Stefan Elfert whose work I introduced a while ago)  some of them a worth a second glance.

Objektkunst / Object Art

- Concrete Connection

- Concretecity.de

- Joachim Manz

- Petra Dutiné

- Einhart Grotegut: Beton-Blätter

- Jörg Sander

Beton-Skulpturen / Concrete Sculptures

- Ingrid Depenbusch

- Bärbel Kolberg

- Pia Schönbohm

- Sven Backstein

- Petra Gottfried

- Arno Mester

- Gnomengarten

Beton.org ist übrigens die Internetpräsentation der Bundesverbände der deutschen Zement-, Transportbeton- und Betonfertigteilindustrie, die ihre Marketing-Aktivitäten auf ein gemeinsames Fundament gestellt und im April 2005 die BetonMarketing Deutschland GmbH gegründet haben. Die Webseite widmet sich daher allgemein Fragen rund um den Baustoff Beton; der Blick auf die Kunst ist dabei ein zusätzliches “Gimmick”.




„Und das ist Beton?“ Interview mit Mirko Stefan Elfert

26 06 2009

Vor Kurzem habe ich den Künstler Mirko Stefan Elfert vorgestellt, der mit Beton arbeitet. Ich freue mich sehr, dass er sich die Zeit genommen hat, sehr ausführlich und informativ Fragen zu seiner Arbeit zu beantworten. Im Interview gibt er Einblick in Arbeitsweise mit dem “unkünstlerischen” Material Beton und welche Möglichkeiten es bietet, erläutert die konzeptuelle Idee hinter seinen “Erdhäusern”  und beantwortet die Frage: Warum gerade Beton?

Elfert ist derzeit Stipendiat der Otmar-Alt-Stiftung Hamm; dort werden im Herbst in der Abschlussausstellung “Landnahme” seine jüngsten Arbeiten zu sehen sein.

Recently I introduced German artist Mirko Stefan Elfert who is working with the “unartistic” material of concrete. I am very glad he found the time to answer questions about his work at length. In the interview, he gives insight into his working method, what artistic possibilities of expression concrete offers, as well as about the conceptual ideas of his “Earth(en) Houses” and above all he explains: Why concrete?

The interview is written in German, yet should you want to know more about its precise contents and the artist, please feel free to contact me.

© Abbildungen Mirko Stefan Elfert

****************************************************

Deconarch: Die erste Frage lässt sich ganz knapp in zwei Wörter fassen: Warum Kunst? Etwas ausführlicher gefragt: Wie haben Sie zur Kunst gefunden? Welche Möglichkeiten eröffnet sie Ihnen?

Mirko Stefan Elfert: Eine sehr schwierige Frage, die ich mir schon gar nicht mehr zu stellen wage.

schalung und inhalt  /  2008  /  holz, beton und pigmente  /  17 x 18 x 3 cm  und 14 x 14 x 4 cm

schalung und inhalt, 2008, holz, beton und pigmente, 17 x 18 x 3 cm und 14 x 14 x 4 cm

Ich gehöre nicht zu den Künstlern, in deren Biografie steht „…hat schon als Kind und Jugendlicher jeden Tag gemalt und gezeichnet, war von klein auf dazu bestimmt, Künstler zu werden…“.

Als Autodidakt habe ich mich erst spät dazu entschlossen, mein normales Leben zu beenden und das zu machen, was man als „Kunst“ bezeichnet. Ich weiß nur, dass ich Zeit meines Lebens sehr kreativ und erfinderisch war, vielleicht ist das ja auch schon Kunst.

Wahrscheinlich gibt es auch viel schönere Wörter als Kunst und Künstler, die meine Person viel treffender bezeichnen. Aber wir leben nun mal in Deutschland, und da braucht man ja bekanntlich eine Berufsbezeichnung.

Warum Kunst?

Warum Kunst? Irgendwann habe ich den Entschluss gefasst, nur noch das zu machen, was ich will.

Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass es kein Prozess war, sondern ein Geistesblitz, eine Erleuchtung, der Bruchteil einer Sekunde, in dem mir eine innere Stimme sagte „Mach, was du willst,   aber mach es.“ Als ich meiner Frau abends von meinem neuen Beruf erzählte, sagte sie nur: „Wenn du meinst, dann mach das…“

stahlbeton  V  /  2009  /  beton und draht  / 12 x 12 x 5 cm
stahlbeton V (ferroconcrete V), 2009, beton und draht, 12 x 12 x 5 cm

Seitdem kommen Menschen in meine Ausstellung, um zu schauen, was ich denn so den ganzen Tag über in meinem Atelier mache, welche Gedanken mich umtreiben, und was ich seither Neues geschaffen habe.

Vielleicht lebt der Kunstbetrieb ja auch gar nicht von der schillernden Figur des Künstlers, sondern vom Voyeurismus der Besucher.

Sie arbeiten mit Beton, ein Material, das zwar allgegenwärtig ist, das man aber mit Kunst nicht so recht verbinden kann. Warum Beton?

Am Anfang war es ein Ausprobieren, ein Experimentieren mit einem neuen Material – ein Versuch,  meine Gedanken mit dieser grauen Masse in Form zu bringen. Dann merkte ich aber sehr schnell, dass ich mit „mal eben versuchen“ nicht weiter kommen würde, da das Material und seine Verarbeitung von Hause aus eine gewisse Komplexität mit sich bringt. Gleichzeitig erkannte ich aber auch das Potenzial, das in der Beherrschung des Materials liegt. Ich nahm die Herausforderung an und wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil – genau diese phänotypischen Eigenschaften in Bezug auf Oberfläche, Struktur, Farbe und Dichte sind es, die diesen „Kunststein“ für mich so interessant und schier unerschöpflich machen.

Welche Möglichkeiten und Vorteile bietet Beton?

einschluss II  /  2009  /  beton, pigmente und echinoidia  /  12 x 12 x 5 cm

einschluss II (inclusion II), 2009, beton, pigmente und echinoidia, 12 x 12 x 5 cm

Mit Beton habe ich fast unendliche Möglichkeiten nicht nur die Form, sondern auch die endgültige Oberfläche meiner Vorstellung anzupassen. Von ganz glatten Oberflächen, mit denen ich feinste Details wiedergeben kann, bis hin zu den stark strukturierten Oberflächen mit punktuellen Einschlüssen von Fremdkörpern, wie sie bei den „Erdhäusern“ entstehen. Zwischen diesen beiden Extremen wird Beton zu einer haptischen Erlebnisreise. Immer wieder stehen Besucher in einer Ausstellung vor den kleinen Plastiken und Fragen „Und das ist Beton?“.

Der experimentelle Reiz beim Umgang mit dem Material ist auch weiterhin geblieben. Ich kann die unterschiedlichen Rezepturen variieren und dem Material bei der Formfindung gewisse Freiheiten zugestehen, so dass das Ergebnis von einem bedingt gesteuerten Zufall bestimmt wird.

Auch in Bezug auf seine Größe lässt mir das Material jede Freiheit. So kann ich mit Beton modellhafte Objekte von nur wenigen Zentimetern Kantenlänge anfertigen und diese anschließend nahezu unbegrenzt vergrößern – ohne das Material zu wechseln. Die Größe wird nur durch die zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten begrenzt.

Neben den fast unbegrenzten Vorteilen, die mir das Material als Künstler beim Gestalten und der Formgebung bietet, ergeben sich natürlich auch sehr praktische Vorteile. Das fängt bei der einfachen  Verfügbarkeit des Materials an und endet nicht zuletzt auch beim ökonomischen Vorteil des Materials.

Wie läuft die Arbeit mit Beton ab?

stahlbeton XII  /  2009  /   beton, pigmente und draht  /  12 x 12 x 5 cm
stahlbeton XII (ferroconcrete XII), 2009, beton, pigmente und draht, 12 x 12 x 5 cm

Am Anfang steht natürlich die Idee, der Gedanke, den man in eine plastische Form bringen möchte, das geistige Bild, das ich vor Augen habe. Dann dauert es ein paar Tage, bis das Werk in meinem Kopf gereift ist. Das kann auch schon einmal ein paar Wochen dauern, ist aber die Ausnahme.

Gelegentlich fertige ich kleine Muster an, um zu schauen, ob sich die verschiedene Materialien miteinander vertragen, optisch harmonieren, oder ob bestimmte Vorhaben überhaupt technisch umsetzbar sind und am Ende auch die Aussage widerspiegeln, um die es mir bei dem Werk geht.

Wenn alles im grünen Bereich ist, folgt im Grunde ein handwerklicher Prozess, bei dem es darum geht, der Idee die entsprechende Form zu bauen.

Die abschließende Beurteilung kann dann erst erfolgen, wenn der Beton ausgehärtet ist, und die Schalung vorsichtig entfernt wurde.

Fertigen Sie Entwürfe an?

Skizzen oder Zeichnungen entstehen so gut wie gar nicht, höchstens ein paar Maßangaben oder Berechnungen, dann meistens auf irgendeinem Stück Holz, das in der Werkstatt oder im Atelier herumliegt, nur um später selbst mit verbaut zu werden.

Bei den zweiteiligen Arbeiten „Schalung und Inhalt“ kommt dann noch ein nächster Schritt dazu.

Das verwendete Schalungsmaterial wird gesäubert, getrocknet und neu zusammengefügt. Am Ende steht dann eine zweiteilige Arbeit, bei der die einzelnen Elemente aufeinander verweisen – „Ursache und Wirkung“ stehen im Dialog.

elfert erdhaus 2

Teil der Fotodokumentation zu "Erdhäuser" (Earth(en) Houses), Beton, je 10 x 10 x 20 cm

Bei den „Erdhäusern“ und einigen anderen „Erdarbeiten“ ist das ein wenig anders. Da geht es mehr um das Konzept, um die Aussage, die das Werk mit sich trägt. Der handwerkliche Teil ist nur das Mittel zum Zweck, nicht aber das Maß, an dem die Arbeit später zu messen oder zu beurteilen ist. Hier steht mehr der Prozess, den ich mit Fotos dokumentiere, im Vordergrund.

Wie wird dieses Konzept vermittelt?

Durch die konzeptionelle Arbeit bei den „Erdhäusern“, bei der die einzelnen „Bauabschnitte“ dokumentiert werden, habe ich die Möglichkeiten der Fotodokumentation für meine Arbeiten entdeckt und bereits bei weiteren Arbeiten („Feldkreuze“) eingesetzt. Auch hier ergänzen sich die beiden Medien Foto und Objekt, damit das Werk erst begreifbar wird. Das ist sicherlich eine Spur, die ich in Zukunft weiter verfolgen werde.

Wie finden Sie Ihre Motive und Themen?

elfert erdhaus 1

Teil der Fotodokumentation zu "Erdhäuser" (Earth(en) Houses), Beton, je 10 x 10 x 20 cm

Oftmals bauen die einzelnen Motive und Themen aufeinander auf, ergänzen sich oder sind eine logische Schlussfolgerung des Anderen. Ein schönes Beispiel hierfür sind die „Erdhäuser“.

Was hat es mit den „Erdhäusern“ auf sich?

Entstanden aus dem Wunsch, eine Verbindung zwischen Haus und Heimat herzustellen, begann ich, die Form des Hauses als Negativ in die Erde zu graben und mit Beton auszufüllen. Dadurch erhielt ich ein Betonhaus mit Abdruck des umgebenden Erdreichs. Das Haus wurde von der Erde im wahrsten Sinne des Wortes geprägt. Erde ist nichts anderes als greifbare Vergangenheit, Reste vom Gestern. Es entstand also eine Einheit aus Heimat, Ort und Vergangenheit in einem Objekt.

schalung und inhalt  /  2008  /  holz, beton und pigmente  /  56 x 13 x 5 cm und 7 x 7 x 5 cm

schalung und inhalt (casing and content), 2008, holz, beton und pigmente, 56 x 13 x 5 cm und 7 x 7 x 5 cm

Neben den Arbeiten aus Beton steht das „christliche“ Kreuz als Symbol im Mittelpunkt meines Schaffens. Bevor jetzt die Frage kommt ob ich „streng gläubig bin?“ – nein, ich mag diesen Begriff auch nicht, man kann ja auch nicht „streng lieben“.

Über diese „Erdhäuser“ und andere „Erdarbeiten“ stieß ich dann auf eine für mich sehr spannungsreiche Aussage:

„cuius regio, eius religio“ – wessen Land,
dessen Glaube

Wörter, die auf den ersten Blick archaisch und altmodisch erscheinen, erinnern sie uns doch an die dunkle Vergangenheit, als der Mensch und sein Leben mit der „Scholle“ eins war, in denen eine staatliche oder individuelle Gewalt den Boden besitzt und daraus die Herrschaft über seine Bewohner herleitet. Daraus abgeleitet erarbeitete ich mir auch die Werke und den Titel zu meiner Abschlussausstellung in der Otmar Alt Stiftung: „Landnahme“.

Ansonsten liegt es in meiner Natur, dass ich mit interessiertem Blick meine Umwelt wahrnehme und auch dort dann immer wieder Anregungen und Impulse bekomme. Das kann ein zufällig gefundenes  Objekt, eine Form oder aber auch nur ein Wort sein.

Warum die (reduzierte) Form des Hauses, in den „Erdhäusern“ aber auch in anderen Arbeiten?

Zunächst einmal zum Haus selbst: Bei meiner Darstellung reduziere ich das Haus immer auf zwei geometrische Körper, den Wohnkubus und das gleichschenkelige Dreieck als Dachform. Diese Formgebung ist zwar sehr reduziert, fast kindlich, hat aber einen, wie ich finde, hohen Wiedererkennungswert, und man kann sich daher auch leichter mit der Arbeit auseinandersetzen oder mit ihr identifizieren.

Das Haus spiegelt in meinen Arbeiten nicht nur die Wohnstätte wieder, sondern weist für mich auch immer wieder Parallelen zum Menschen selbst auf.

Haus und Mensch besitzen eine Fassade, eine äußere Erscheinungsform, mit der sie auf ihre Umwelt einwirken, mit der sie mit ihr in Kontakt treten, und mit deren Hilfe wir Rückschlüsse auf das „Innenleben“, die Bewohner des Hauses oder das Seelenleben des Menschen ziehen können, oder uns zumindest dazu verleiten lassen.

arbeitersiedlung beton, je 10 x 10 x 20 cm bodeninstallation, gesamtgröße variabel

arbeitersiedlung (industrial housing), beton, je 10 x 10 x 20 cm bodeninstallation, gesamtgröße variabel

Klein sind die Häuser, weil ich noch ein wenig Respekt vor ihrer Komplexität habe. Je mehr ich mich mit ihnen beschäftige und sie kenne, desto größer werden sie aber werden. Ich nähere mich den einzelnen Themen immer sehr vorsichtig und behutsam, sonst macht man schnell etwas kaputt.

Durch ihre „Größe“ haben die Häuser aber auch etwas Modellhaftes, sind beweglich, leicht zu versetzen und aus dem Weg zu räumen. Man schaut von oben auf sie herab – als Beobachter.

So auch bei der Serie „Erdreich“. Auch hier habe ich  kleine Häuser direkt als Negativform in das Erdreich gegraben, zusammen mit einem kleinen Stückchen „Land“/„Umland“ und mit Beton ausgegossen. Dadurch werden Haus und Land eine größere Einheit. Die Häuser stehen dort dann einzeln, zu zweit oder in kleinen Gruppen. Sie stehen getrennt oder laufen ineinander über und verweisen somit auf eventuelle Beziehungen untereinander.

Neben dem frei stehenden Haus sind dort dann auch Reihenhäuser, gefallene Häuser oder Langhäuser zu finden.

Das „Umland“ erinnert durch seine künstliche Struktur dann zuweilen an Ackerflächen, Gärten, Wege oder geebneten Flächen.

Die Betonobjekte besitzen alle die gleiche Grundfläche, ca. 15 x 15 cm und lassen sich dadurch miteinander kombinieren. Gleichzeitig verweisen sie damit auf ihre Gleichwertigkeit untereinander.

Aus den einzelnen Objekten können so ganze Landschaften entstehen. (Hier habe ich den genormten Charakter von Betonerzeugnissen aufgenommen, endlose Wiederholung und Aneinanderreihung von einzelnen Objekten.)

Eine andere Serie von Arbeiten, „Erdboden“, erzeugt durch das serielle Herstellen eines Betonabgusses der Erdoberfläche eine zweite künstliche und seitenverkehrte Oberfläche.

Auch diese einzelnen Arbeiten besitzen eine einheitliche Größe von ca. 39 x 39 x 3,5 cm und lassen sich innerhalb ihrer Modularität beliebig als Bodeninstallation auslegen.

Der Betrachter wird mit einer zweiten künstlichen Erdoberfläche konfrontiert. Diese ist auch nicht wie „normale“ Erdoberfläche weich und formbar, sondern kalt, hart und zerbrechlich. (Durch den Eingriff des Menschen in die natürliche Landschaft wird diese nicht nur in ihrer Wahrnehmung verändert, sondern gleichzeitig wird uns ihre Instabilität und Verletzlichkeit vor Augen geführt.)

Welche Rolle spielen die Titel für Ihre Arbeiten? (Wortspiele, Ironisieren,…?)

fertigbeton II beton und metall, 10 x 6 x 3 cm

fertigbeton II (ready-mixed concrete II), beton und metall, 10 x 6 x 3 cm

Werktitel sind für mich sehr wichtig, sie runden das Geschaffene ab, geben ihm den letzten Schliff und verweisen möglichst kurz und präzise auf den Kern.

Das müssen nicht unbedingt immer tiefgründige, heilsbringende Titel sein, sondern, wie z. B. bei „Fertigbeton“, ist es mehr der Wortwitz, der dem Objekt erst das Leben einhaucht.

Daneben gibt es nur eine kleine Anzahl von Werken, die keinen Titel haben. Das sind dann solche, bei denen selbst mir die Worte gefehlt haben.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

Ich sehe meine Kunst, meine Kunstwerke in erster Linie als ein Kommunikationsmittel.

Durch meine Werke nehme ich mit meiner Umwelt Kontakt auf, sende Signale aus. Erzähle etwas, frage und hinterfrage, suche nach Gründen und Möglichkeiten, Dinge einmal anders zu betrachten, als wir es gewohnt sind. Ich versuche, auf Besonderheiten aufmerksam zu machen.

schalung und inhalt  /  2008  /   holz, beton und pigmente  /  14 x 18 x 6 cm und 8,5 x 8,5 x 4 cm

schalung und inhalt (casing and content), 2008, holz, beton und pigmente, 14 x 18 x 6 cm und 8,5 x 8,5 x 4 cm

Kommunikation in diesem Zusammenhang heißt nicht, dass es zwischen mir und dem Betrachter eines meiner Werke einen (persönlichen) Dialog geben muss. Es reicht, wenn es zu einer Kommunikation zwischen Kunstwerk und Betrachter kommt.

Und seit Watzlawick wissen wir ja, dass wir nicht nicht kommunizieren können, und dass alles menschliche Handeln kommunikativ ist.

Gerade durch die visuelle Verbreitung der Werke im Internet kommunizieren wir ja mit einer Unzahl an unbekannten Menschen, die wir nie persönlich kennenlernen werden. Trotzdem haben wir kommuniziert – zeitversetzt und an einem Unort. Aber ab und an ergibt sich dann (wie in unserem Fall, wenn Sender und Empfänger die gleiche Sprache sprechen, auf einer Ebene kommunizieren) doch ein persönlicher Dialog.

Ich sehe da auch Parallelen zur Architektur. Bauwerke, egal ob private oder öffentliche, und quer durch die Jahrhunderte, erzählen uns etwas, teilen uns etwas mit. Teilweise war es ja auch ihre Pflicht, von Etwas kund zu tun oder für eine bestimmte Aussage zu stehen.

Kunst und Architektur sind sehr verwandte Sprachen.

Eine allgemeine Frage: Welche Bedeutung hat Architektur / gebaute Umwelt für uns?

Architektur und gebaute Umwelt haben meiner Meinung nach einen großen Einfluss auf das menschliche Sozialwesen und können sich sowohl positiv als auch negativ auf unser Miteinander auswirken. Der Mensch ist – anthropologisch gesehen – ja erst seit einer kurzen Zeit „häuslich“. Davor war er Nomade, Jäger und Sammler. Das Jagen und Sammeln hat der moderne Mensch mit „Shoppen“ kompensieren können, er wurde zum „Schnäppchenjäger“. Das Nomadentum findet sich zwischen Lenkrad und Auspuff wieder.

schalung und inhalt  /  2008  /  holz, beton und pigmente  / 20 x 9 x 2,5 cm und 3 x 2,5 cm

schalung und inhalt (casing and content), 2008, holz, beton und pigmente, 20 x 9 x 2,5 cm und 3 x 2,5 cm

Und irgendwo dazwischen brauchen wir Platz für unsere eigene kleine Höhle, die wir von Zeit zu Zeit aufsuchen, um unsere Seele zu entstauben.

Durchdachte Architektur, Stadtplanung und Landschaftsgestaltung kann uns helfen, mit diesen Erscheinungsformen der Zivilisationsgesellschaft besser umgehen zu können. Sie sollte uns Freiräume und Oasen schaffen.

Wer und/oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Vorbilder gibt es nicht, mag ich auch nicht.

Wenn man Vorbilder hat, ist es nicht mehr weit bis zum Abbild, zur Kopie.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Kreativität?

Mirko Stefan Elfert, herzlichen Dank für das ausführliche und informative Interview!!




Interview Sven Hamann

3 02 2009

Was passiert, wenn ein Architekt Kunst macht?

Ein weiterer Architekt und Künstler, der sich mit dem Verbindung von Architektur und Kunst beschäftigt, ist Sven Hamann, den ich vor Kurzem vorgestellt habe. Ich freue mich sehr, ihn und seine Arbeit im folgenden Email-Interview näher präsentieren zu können.

(Abbildungen © Sven Hamann)

o.T. - #095_16080_08, Mischtechnik auf Leinwand 2008, 160/80 cm

Wieso wird ein studierter Architekt Künstler?

Um das zu beantworten muss man noch einen Schritt zurückgehen und sagen, warum ich Architektur studiert habe. Mein Wunsch, kreativ zu arbeiten, stand von Anfang an im Vordergrund – in welcher Ausprägung das sein sollte, war mir zu Studienbeginn selbst nicht ganz klar. Entsprechend war ich mir unsicher bei der Wahl des Studiengangs. Doch schnell merkte ich, dass mich das Thema Architektur fesselte – daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich habe also mein Diplom gemacht und begann nach einer Phase mit Wettbewerben (auch im Bereich der Kunst) als angestellter Architekt zu arbeiten. Dabei merkte ich aber sehr schnell, dass der Berufsalltag wenig Spielraum für Kreativität in meinem Sinne zuließ und meinem Wunsch, eigene Ideen zu verwirklichen, durch gesetzliche Vorschriften und Bauherren starke Schranken gesetzt wurden. Da mein damaliger Arbeitgeber selbst auch erfolgreicher Künstler war, hatte ich einen guten Einblick in die Praxis eines Künstlers. Das war der Anfang.

Wer war dieser Arbeitgeber?

Das war der mittlerweile verstorbene Prof.Klaus Neuper, ein bekannter Maler.

Wie ging es nach dieser ersten Begegnung mit der Praxis eines Künstlers weiter? Hast du eine Zeit lang als Architekt und Künstler parallel gearbeitet oder schnell den Sprung ins kalte Wasser gewagt und nur als Künstler gearbeitet?

Was die Architektur angeht, gab es dann einen harten Schnitt. Als Architekt zu arbeiten und das gleiche Thema künstlerisch umzusetzen war für mich ein Widerspruch. Natürlich konnte ich nicht von meiner Kunst leben, sodass es noch andere Einkommensquellen gab.

Seit 2002 bist du freischaffender Künstler, nachdem du davor ein paar Jahre als Architekt gearbeitet hast. Wie beeinflusst das Architekturstudium bzw. die Architektur deine Kunst, etwa bei der Arbeitsweise und/oder bei der Themenwahl?

o.T. - #092_6080_08, Mischtechnik auf Leinwand 2008, 60/80 cm

Sven Hamann: o.T. - #092_6080_08, Mischtechnik auf Leinwand 2008, 60/80 cm

Als ich den Beruf des Architekten ausgeübt habe, wurde mir bei vielen Projekten bewusst, wie wenig sich Bauherrn mit dem Thema und der Theorie der Architektur auseinandersetzen. Entsprechend schwierig waren für mich die Bauvorhaben, da ich es mit den mir vorhandenen Mitteln nicht schaffte, für das Thema Architektur zu sensibilisieren. Ganz anders in der Kunst – hier kann ich mich unabhängig von äußeren Anforderungen auf einen Aspekt konzentrieren und diesen ausarbeiten.

Du möchtest für das Thema Architektur zu sensibilisieren: Welche Ziele verfolgst du mit deinen Arbeiten?

Ich möchte die Menschen für das Thema der Architektur begeistern und sensibilisieren und den Blick des Betrachters für Architektur schärfen.

Warum ist es nötig und wichtig, den Blick für Architektur zu schärfen?

Welche Bedeutung hat Architektur für uns?

F08_060R - Fotografie 2008, 75/50 cm, Auflage 3+1

Sven Hamann: F08_060R - Fotografie 2008, 75/50 cm, Auflage 3+1

Wir sind in unserer Zivilisation permanent mit Architektur umgeben, verbringen einen Großteil unseres Lebens darin – allein dadurch ergibt sich schon der zwingende Bedarf, sich der Thematik zu stellen. So wie wir uns beispielweise mit dem Thema Mode beschäftigen, das uns unmittelbar auf der Haut betrifft, wünsche ich mir eine Auseinandersetzung mit der räumlichen Hülle, die uns als Menschen umgibt. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das Thema Architektur bereits in der Schule stärker eingebracht werden müsste. Vielleicht könnte man so auch eine intensivere Auseinandersetzung erreichen, was mein Anliegen wäre – ich möchte keine Meinung vorgeben nach dem Motto: Das ist gut und dies ist schlecht – sondern animieren, sich auseinanderzusetzen und ein eigenes Urteil zubilden.

Ein interessanter Gedanke, Architektur schon in der Schule stärker einzubringen. Ich möchte gern später darauf zurückkommen.

Zunächst aber zurück zu deinen Arbeiten. Mittlerweile bist du seit 6 Jahren freischaffender Künstler und arbeitest sowohl mit Fotografie als auch mit Malerei. Warum diese beiden Medien Fotografie und Malerei?

F07_021 - Fotografie 2007, 40/30 cm, Auflage 5+1

Sven Hamann: F07_021 - Fotografie 2007, 40/30 cm, Auflage 5+1

Es gibt Aspekte, die kann ich besser mit der Fotografie transportieren, andere mit der Malerei. Mein Anfang in der Fotografie war auch in meiner Studienzeit – ich glaube, es gibt kaum einen Architekturstudenten ohne Kamera. Hier stand der dokumentarische Aspekt im Vordergrund. Schnell merkte ich aber, dass natürlich die Art der Perspektive entscheidend ist, wie und was der Betrachter wahrnimmt. In der klassischen Architekturfotografie wird meist mit Perspektive gearbeitet, um die räumliche Situation festzuhalten. Mir geht es aber in meiner Fotografieserie, die mittlerweile auf fast 70 Arbeiten angewachsen ist, um die Fassade. Die von mir gewählte Perspektive, die eigentlich gar keine Perspektive ist, sondern ein frontales zweidimensionales Abbild der Fassade, erzwingt eine Beschäftigung mit der Fassade, da der Blick nicht der Perspektive zum Fluchtpunkt folgen kann, da es keinen Fluchtpunkt gibt. Also ein Spiel mit der Wahrnehmung des Betrachters, um gewohnte Seh-Muster aufzubrechen.

Ein Verfremden der gewohnten Seh- und Sichtweisen?

Ich glaube, Verfremden ist nicht der richtige Begriff – es ist eher ein Zwingen zu einer anderen, direkten Sichtweise. Auch der Sichtweise des Architekten beim Prozess der klassischen Fassadengestaltung.

Auf die Fassaden komme ich gleich zurück.

Die Fotografien haben keine Titel, nur einen Nummerncode. Warum?

Die Fotografien sind eine umfangreiche Serie, die in den letzten Jahren seit 2006 entstanden sind. So wichtig mir jede einzelne Fotografie, jede einzelne Fassade ist, so wichtig ist mir letztendlich die Gesamtheit, die Serie. Dabei ist ein ganz wichtiger Aspekt das Lösen der Architektur aus ihrem baulichen Kontext – sprich, das Extrahieren aus der Umgebung der gezeigten Architektur. Nur dadurch ist ein ortsunabhängiger Blick und ein Vergleichen möglich. Es gibt zum Beispiel die typischen Plattenbaufassaden in Ostdeutschland. Genau den gleichen Typus findet man aber auch in fast jeder westdeutschen Stadt, nur nicht so gehäuft.

Deswegen lässt auch der Code, der den Titel ersetzt, einen Schluss auf den Ort nicht zu.

Wie und warum kam dann die Malerei dazu?

Wie entsteht ein Gemälde? Wird es inspiriert von den Fotografien?

o.T. - #091_8060_08, Mischtechnik auf Leinwand 2008, 80/60 cm

Sven Hamann: o.T. - #091_8060_08, Mischtechnik auf Leinwand 2008, 80/60 cm

Die Malerei war von Anfang an ein Medium, das ich nutzen wollte, da es mir andere Möglichkeiten bietet als die Fotografie. Die erste Phase war geprägt durch viel Probieren, mit welcher Technik ich meine Ideen am besten transportieren konnte.

Ich werde oft gefragt, ob ich meine Fotografien in der Malerei „umsetze”. Es ist jedoch kein Kopieren in das Medium der Malerei, sondern eine abstrahierte Inspiration, die auch formale Gründe hat.

Nämlich welche?

Proportionen, Material, Farbe, Geometrie.

Kommen wir zurück zu den Fassaden, die in deiner Arbeit eine wichtige Rolle spielen.

In gewisser Weise werden deine Gemälde „gebaut”, nämlich geschichtet und durch typische „Baumaterialien” geformt (Lehm, Sand, Zement). Hat dieser Gedanke eine Rolle gespielt bei der Entscheidung, mit diesen Materialien zu arbeiten?

Andeutungen - #041_LW_2430_1006, Mischtechnik auf Leinwand 2006. 24/30 cm

Sven Hamann: "Andeutungen" - #041_LW_2430_1006, Mischtechnik auf Leinwand 2006. 24/30 cm

Ich habe schon im Studium viel gezeichnet und auch skulptural gearbeitet – es kam dann die Phase, in der ich viel probiert habe. Es fing an mit Wandobjekten aus Stahl, wobei mich hier der Prozess des Rostens (Thema ästhetischer Reiz des Vergänglichen) interessierte. Es folgte eine Phase mit Objekten aus Beton, bis ich schließlich bei meiner momentanen Technik gelandet bin, mit der ich sehr gut das Thema der Fassade und dem „Dahinter” transportieren kann. Dabei war es für mich immer sehr wichtig tatsächlich auch mit Materialien zu arbeiten, die einen starken Bezug zur realen Architektur haben.

Das „Dahinter” der Fassade – wie meinst du das? Den Raum hinter der Fassade oder das Material, aus dem die Fassade aufgebaut ist?

Das rein Bautechnische – wie ist tatsächlich eine Fassade aufgebaut – spielt eine untergeordnete Rolle. Allerdings kann ich hier durch die Materialität und durch das haptische Moment meiner Arbeiten auch dafür sensibilisieren.

Mein Fokus liegt in der Malerei jedoch auf dem Individuellen, was hinter der gebauten Fassade liegt: Das, was sich uns in Ausschnitten durch die Fassadenöffnungen zeigt. Es sind zwar „nur” Ausschnitte und kleine Einblicke, die uns aber sehr viel sagen über das, was sich dahinter befindet – und damit meine ich nicht (nur) das Materielle, sondern den Menschen und letztendlich unsere Gesellschaft, denn Architektur ist die Hülle unserer Gesellschaft.

Arbeitest du – neben Fotografie und Malerei - auch mit anderen Medien?

Ich werde im Februar am Kunstpreis Langwasser in Nürnberg teilnehmen – das Thema: „Urbane Welten”. Dabei werde ich die gesamte Serie der Fotografien als Projektion zeigen. Die Projektion hat für mich zwei Vorteile: Zum einen natürlich die Größe und damit die Präsenz im Raum, zum anderen ergibt sich hier ein ganz neuer Aspekt – nämlich die Interaktion zwischen Betrachter und Projektion in dem Sinne, dass sich je nach Standpunkt des Betrachters sein Schatten auf der Fassade zeigt. Dadurch stellt sich der Rezipient auch eher die Frage: Was hat die Architektur eigentlich mit mir zu tun? Wie beeinflusse ich Architektur?

Das ist der Anfang von raumbezogenen Arbeiten, an denen ich momentan arbeite. Es gibt noch andere Ansätze und Ideen, es wäre aber verfrüht, über diese im aktuellen Stadium zu sprechen.

Wer und/oder was beeinflusst deine Arbeit? Gibt es bestimmte wichtige Vorbilder?

Meine Technik in der Malerei habe ich zum ersten Mal bei Prof. Klaus Neuper gesehen, bei dem ich ja nach meinem Studium als Architekt und Assistent gearbeitet habe. Auch andere bekannte Künstler haben einen sehr „materialistischen” Malstil wie zum Beispiel der Italiener Giorgio Celiberti oder Antoni Tàpies. Das sind aber reine Vorbilder zur Technik. Beim Thema und der Formensprache habe ich keine konkreten Vorbilder. Wichtig für mich sind meine europaweiten architektonischen Fotografiereisen, die Grundlage meiner künstlerischen Arbeit sind. Durch das Fotografieren und den darauf folgenden Prozess habe ich eine extrem intensive Auseinandersetzung mit der jeweiligen Architektur. Das fängt an bei der Motivwahl, dem Ausschnitt, der passenden Tages- und Jahreszeit, geht weiter über die Belichtungsmessung, die Auswahl der Dias, das Scannen und die ganz wichtige Bearbeitung der digitalen Daten am Computer.

Eine letzte Frage: Was ist deiner Meinung nach charakteristisch für deine Arbeiten?

Die geradlinige Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur.




Sven Hamann: Fassaden. Architektur und Kunst

26 01 2009

Was passiert, wenn ein Architekt Kunst macht?

o.T. - #094_4020_08, Mischtechnik auf Leinwand, 40/20 cm zweiteilig, 2008

Sven Hamann: o.T. - #094_4020_08, Mischtechnik auf Leinwand, 40/20 cm zweiteilig, 2008

Nach Abschluss seines Architekturstudiums in Kaiserslautern hat Sven Hamann in den ersten Jahren seiner Tätigkeit als Architekt immer mehr die kreativen Möglichkeiten, die die Kunst – insbesondere die Malerei und die Fotografie – eröffnet, für sich entdeckt und sich schließlich vor einigen Jahren entschlossen, als freischaffender Künstler zu arbeiten – mit zunehmendem Erfolg. So hat Hamann etwa den fm-Fotografiepreis,2008, Hamburg im Thema Architektur gewonnen und ist Preisträger beim Kunst- und Förderpreis der Sparkasse Bayreuth im Rahmen der 30. Internationalen Kunstausstellung (ebenfalls 2008).

F08_048R - Fotografie, 75/50 cm, Auflage 3+1, 2008

Sven Hamann: F08_048R - Fotografie, 75/50 cm, Auflage 3+1, 2008

Hamanns Arbeiten befassen sich nach wie vor mit der Architektur.  Sein Ziel ist es, “die Menschen für das Thema der Architektur zu sensibilisiern und den Blick des Betrachters für Architektur zu schärfen”. Obwohl uns Architektur täglich begegnet und wir unser Leben weitgehend in Räumen verbringen, erfährt das Gebaute erstaunlich wenig bewusste Aufmerksamkeit – anders als etwa die Mode, so Hamann, die uns ebenfalls “einhüllt” wie die Architektur.

In seinen aktuellen Arbeiten zeigt Hamann Fassadenausschnitte. Das Gebäude wird auf eine Fläche reduziert und abstrahiert und dem Betrachter so in einer ungewohnten Weise präsentiert. Gewohnte Sichtweisen werden durchbrochen, neue Wahrnehmungen der Gebäudehülle ermöglicht.

Insbesondere in den Gemälden, geschichtete Strukturarbeiten – in gewisser Weise auch sie “gebaut” – wird deutlich, wie Fassade funktioniert:  Was befindet sich dahinter? Was wird verhüllt?

In einem Interview, das ich in Kürze online stellen werde, gibt Sven Hamann weiter Auskunft über seine Arbeit und seine Zielsetzungen.

Webseite Sven Hamann

Sven Hamann im Kunstverein Amberg
vom 12.02. bis 21.03.09

…………..
Urbane Welten: Ausstellungsbeteiligung beim Kunstpreis Langwasser in Nürnberg
vom 02.02. bis 14.02.09




Karl-Heinz Bogner: Raumfolgen

1 07 2008

Was passiert, wenn ein Architekt Kunst macht?

Ohne Titel, 2007, Mischtechnik auf Leinwand, 40 x 240 cm (Website des Künstlers)

Karl-Heinz Bogner ist studierter Architekt mit Ingenieurs-Diplom aus Stuttgart, der mittlerweile als freier Künstler, als Maler und Bildhauer, arbeitet. Aufmerksam wurde ich auf ihn durch einen Bericht im art info Magazin sowie im Portal Kunstgeschichte. Persönlich konnte ich aber noch keine Arbeiten von ihm sehen.

2005 hatte Bogner eine Einzelausstellung in der renommierten Architekturgalerie Aedes in Berlin, im Herbst 2008 wird er im Essener Forum für Kunst und Architektur zu sehen sein. Bis Mitte Mai wurden seine neuesten Arbeiten “Raumfolgen” in Göppingen, Galerie Kränzl, gezeigt.

(Aufnahme aus der Galerie Kränzl)

Bogners Gemälde in schwarzweißen Schattierungen (manchmal mit einigen wenigen Farbakzenten) erinnern an feine grafische Konstruktionen, sie haben etwas Architektonisches an sich, sind aber nicht eindeutig als Räume oder Bauten zu erkennen. Die Formen sind kantig, quadratisch. Aus dem Neben- und Übereinander von dunkeln und hellen Flächen ergibt sich eine räumliche Wirkung, ohne dass Bogner perspektivische Darstellungsmittel einsetzt: Bogner „baut“ seine Gemälde aus Flächen und Linien, Hell und Dunkel/Licht und Schatten auf – wie ein Architekt, könnte man meinen. Die Bilder haben keinen Fluchtpunkt, sie sind “flach”; dennoch meint der Betrachter automatisch einen Raum zu erkennen. “Raum wird als Durchgang und Übergang erfahrbar.”[1]

Ohne Titel, 2003, Holz, Karton, mdf, Acrylfarbe, 22 x 55 x28 cm (Website des Künstlers)

Dies wird auch in seinen Holz-Skulpturen fortgeführt: Die filigranen schwarze Raummodelle aus Balken, Linien, Stäben sehen aus wie plastisch gewordene Bilder von Bogner. Sie erinnern an architektonische Objekte – so sind sie auch tituliert: “Objekt” –, sind dabei aber immer schwarz, nicht weiß, wie die typischen Architekturmodelle. Bogner betont zudem die Bindung seiner dreidimensionalen Arbeiten an die Malerei. Ein wenig erinnern sie auch an die weißen Architektone Malewitschs, die ebenfalls aus Raumkuben Gebilde formen, die an Architektur erinnern, jedoch keinerlei konkrete bauliche Elemente aufweisen.

Nach Günther Baumann ist Bogners Thema “das menschliche Innenleben, dessen Emotionalität er über architektonische Formenspiel auf eine ästhetische Ebene hebt; sei es als rückzugsfähiger Schutzraum, sei es als selbst schutzwürdiges Refugium. Karl-Heinz Bogner will in seinem Werk keine Widersprüche auflösen, keine Harmonie um jeden Preis, im Gegenteil: Er fordert sie geradezu heraus. Die Fragilität und Brüchigkeit wie die Heimeligkeit gehen schließlich auch im echten Leben meist ineinander über.[1] Seine Arbeiten sind Denkräume.


[1] Zitat nach Günther Baumann, www.portalkunstgeschichte.de




Tobias Weber

23 03 2008

Was passiert, wenn ein studierter Architekt Kunst macht?

Einen habe ich auf der Art Karlsruhe 2008 entdeckt und er hat mich durch seine ausgefallene Arbeitsweise beeindruckt.

 

Der Schweizer Tobias Weber (*1974) ist studierter Architekt. Seine Themen sind vor allem – natürlich?! – urbane Räume. Häuser, Straßen, Brücken, Tiefgaragen, Strommasten, Autos kurz: vom Menschen eingenommene Gebiete und die Spuren, die dies hinterlässt.

weberwesttangente.jpgwebertiefgarage.jpgtobias-weber.jpgtobias-weber2.jpg weberumfahrung.jpg

Hardbrücke (Westtangente), 2007, Acryl auf Baumwolle, 240 x 60 cm
Niveau 3 (Tiefgarage), 2006, Acryl auf Baumwolle, 200 x 70 cm
Park Süd (Schönes neues Zürich), 2006, Acryl auf Baumwolle, 180 x 130 cm
Villa mit Cheminée 1 (Homegate), 2006, Acryl auf Baumwolle, 115 x 85 cm
Forsthaus (Umfahrung), 2006, Acryl auf Baumwolle, 240 x 50 cm

 

Weber hat eine ungewöhnliche Darstellungsweise gefunden:

Seine Bilder sind oft poppig-bunt in knalligen Farben, immer Ton in Ton gehalten: Leuchtgrün, Bonbonrosa, Barbie-Lila, aber auch dunkle gedeckte Töne. Darüber liegen glänzend schwarze Konturen, die wie Lakritze oder Gummi auf das Bild gelegt scheinen.

Weber “zeichnet” seine Motive mit schwarzer Acrylfarbe aus der Tube direkt auf die Baumwoll-Leinwind. Die Farbe verläuft, trocknet an und bekommt eine gummi-artige Konsistenz – zumindest wirken die Bilder so, dass man am liebsten vorsichtig mit dem Finge überprüfen möchte, ob die Farbe auch wirklich schon festgetrocknet ist (was ich natürlich auf der Art KA nicht überprüfen konnte ;).

Der Arbeitsprozess Webers erhält durch diese Methode eine handwerkliche Komponente. Denn eigentlich geht der Künstler sehr „industriell“ vor: Seine Motive stellt er am Rechner aus zuvor fotografierten Aufnahmen zusammen. Dabei werden oft Elemente aus verschiedenen Fotos zusammenkomponiert und Themen in Serien bearbeitet.
Das fertige Motiv wird in die Breite gezogen – Webers Bilder sind immer im Querformat – und auf die Leinwand übertragen. Nur die Konturen werden schließlich manuell mit der Tube „gezeichnet“. Die Signatur wird mit einer Schablone aufgebracht.

Es entstehen Bilder, die durch die kräftigen Farben und vor allem die plastisch glänzenden Konturen auffallen und anziehen. Gleichzeitig machen die Motive stutzig – Brücken, Strommasten, Auto-Straßen, ja und? Das kennen wir doch, was soll daran so schön sein, dass man es malen müsste?

Webers Motive sind die ganz normalen, alltäglichen Bilder, denen man in der westlichen Welt überall begegnen kann und die man deswegen schon gar nicht mehr „sieht“.
Seltsam eigentlich – gerade die Anblicke, denen man im dichtbesiedelten Gebiet jeden Tag begegnet, nimmt man nicht wirklich wahr, geschweige denn, dass man sie in irgendeiner Weise als „künstlerisch“ wertvoll empfindet.

Eine Kritik hat die Arbeiten als beruhigend und klar bezeichnet, eine andere hebt die spannnungsgeladene Stimmung hervor.

 

Auf mich wirken sie weder besonders beruhigend noch besonders beunruhigend oder spannungsvoll. Mich hat – neben den krakeligen Gummi-Konturen – vor allem Webers Ironie beeindruckt, die zumindest bei den auf der Art KA gezeigten Arbeiten zum Ausdruck kommt:
Die Reihentitel “Schönes neues Zürich” und “Homegate” sind sehr anspielungsreich.

weberzurich2.jpg weberhomegate2.jpg

Pool (Schönes neues Zürich), 2006, Acryl auf Baumwolle, 182 x 98 cm
Villa mit Cheminée 3 (Homegate), 2006, Acryl auf Baumwolle, 113 x 70 cm

…aber vielleicht zeigt schon diese Widersprüchlichkeit, dass viel mehr in Webers Arbeiten steckt, als es die simplen, alltäglichen Motive erwarten lassen.

http://www.tobiasweber.ch/ (Bilder alle von hier)