„Meine Installation ist wie mein kleines persönliches Haus, das ich um die Arbeiten baue.“ INTERVIEW mit Sandra Meisel

Es ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ort, aber auch mit den eigenen Arbeiten, die Sandra Meisels Rauminstallationen prägt. Sie wolle Räume entstehen entstehen lassen, in denen sie ihre eigenen zweidimensionalen Arbeiten inszenieren könne, welche wiederum aus dem intensiven Sich-Einlassen auf den vorgefundenen Ort entstehen , sagt die Berliner Künstlerin – und „verwebt“ ihre  ortsspezifischen Installationen in gewisser Weise gleich mehrfach: mit dem vorgefundenen Raum, auf den sie reagiert und von dem sie sich Formen „leiht“, die in die Installation einfließen. Die eigenen Arbeiten in verschiedenen Medien miteinander. Die Erfahrung von Raum und Kunst, von architektonischen Formen und Materialien, von Strukturen und Ordnungen.

schwarz:Haus 2014, Installation view, Kunsthaus Galerie Erfurt, 5,50 x 3,20 x 2,70 m

schwarz:Haus, 2014, Installation view, Kunsthaus Galerie Erfurt, 5,50 x 3,20 x 2,70 m

Meisel arbeitet plastisch und multimedial, mit Holz, Gummi oder Beton, aber auch zweidimensional und mit Fotografie. In ihren Skulpturen spiegeln sich häufig radikale Gegensätze wider – Glattes wird durch Auftragen von Farben und Harzen „verunreinigt“, Massives zum Schweben gebracht, organisch Üppiges durch architektonische Strukturen gerastert.

Im Juni werden neue Arbeiten von Sandra Meisel in einer Ausstellung in ihrer Berliner Galerie Burster zu sehen sein

Im Interview mit deconarch.com beschreibt Sandra Meisel ihr Interesse an Architektur ebenso wie den Wunsch, Räume in Räumen entstehen zu lassen, und erläutert ihre Arbeitsweise bei Rauminstallationen.

all illus. (c) Sandra Meisel 
www.sandrameisel.com

INTERVIEW

Sie arbeiten immer wieder auch mit Architekturmotiven und -formen – was interessiert Sie daran?

Um ganz ehrlich zu sein, muss ich zugeben, dass, wenn ich meinen „reset“-button drücken könnte, ich gerne Architektin wäre. Ich kann stundenlang durch die Stadt gehen und mir Häuser ansehen. Bei manchen sehe ich Flächen oder Formen, die ich so eindrucksvoll finde, dass ich sie am liebsten essen möchte.

Mit meinen Installationen lasse ich Räume entstehen, die als eine Art Kulisse dienen, um darin meine zwei- und dreidimensionalen Arbeiten zu präsentieren. Meine Installation ist dann wie mein kleines persönliches Haus, das ich um die Arbeiten baue. Dabei gehe ich auf die bestehende Architektur ein und „leihe“ sie mir sozusagen aus, um sie mir für einen Zeitraum anzueignen. 

schwarz:Haus 2014, Installation view, Kunsthaus Galerie Erfurt, 5,50 x 3,20 x 2,70 m

schwarz:Haus, 2014, Installation view, Kunsthaus Galerie Erfurt, 5,50 x 3,20 x 2,70 m

Etwa in Ihrer Ausstellung „In einen Raum = rückwärts wieder anders gehen“ in Erfurt. Ihre Installation dort hieß schlicht „Haus“ …

In der Kunsthaus Galerie in Erfurt habe ich ein Haus oder zumindest eine Hauswand angedeutet, nur indem ich einen Fensterladen angebracht habe. Manchmal benötigt es nur wenige Dinge und die Geschichten erzählen sich von selbst weiter. Ebenfalls in den Räumen in Erfurt habe ich ein ziemlich wuchtiges Dachfenster „bewältigt“. Es hat mich im Raum gestört und zu Beginn wollte ich es abdecken, damit es nicht mehr sichtbar ist. Dann kam ich aber zu dem Schluss, dass ich es einfach umdrehe und im Raum noch einmal proportionsgetreu nachbaue. Auf einmal entstand eine ganz neue, sehr schöne Form, ein großer blauer „Wal“ oder ein Schiff. Das sind sehr tolle Momente!

Wie arbeiten Sie – gehen Sie konzeptionell vor oder „finden“ sich Ihre Themen und Formen spontan?

Ich habe mich lange Zeit sehr schwer getan, dazu zu stehen, dass mir die meisten meiner Arbeiten vor meinem inneren Auge fertig „erscheinen“. Wenn ich eingeladen bin, für eine Ausstellung eine ortsspezifische Installation zu entwickeln, setze ich mich sehr intensiv mit dem Ort auseinander. Ich tauche in das Thema ein und meist entstehen dabei auch zweidimensionale Arbeiten, die ich in meine Installationen integriere.

blau:Wal 2014, Installation view, Kunsthaus Galerie Erfurt, 4,40 x 1,50 x 1,30 m

blau:Wal, 2014, Installation view, Kunsthaus Galerie Erfurt, 4,40 x 1,50 x 1,30 m

Am liebsten finde ich architektonisch interessante Orte vor, wobei ich sagen muss, dass eigentlich jeder Ort etwas Interessantes hat, manchmal dauert es nur etwas länger, bis ich es entdecke.

Für meine Installationen greife ich die architektonischen Gegebenheiten des Raums auf und wähle markante Elemente aus, die ich in abgeänderter Form erneut in den Raum einbaue. Meist verstärke ich dessen Wirkung durch eine andersartige Anordnung. Ich vertausche oben und unten oder innen und außen oder ändere die Materialität der Elemente.

Entstehen auch die zweidimensionalen Arbeiten explizit raumbezogen?

Internal Structure, 2016, Fotogramm, 90 x 125 cm

Internal Structure, 2016, Fotogramm, 90 x 125 cm

Ja, manchmal beziehen sich auch zweidimensionale Fotoarbeiten auf dreidimensionale Arbeiten. Die Holzskulptur, an der ich momentan arbeite, habe ich aus Buchenplatten ausgeschnitten. Die ausgeschnittenen Formen dienten mit als Vorlage für ein Fotogramm, das ich zusammen mit der Skulptur als eine Werkgruppe betrachte.

Mit welchen Medien arbeiten Sie, warum? Welche Möglichkeiten eröffnet sie Ihnen?

Meist arbeite ich mit Holz, Gummi oder Beton. Ich zwänge meine Materialien in organisch-verschrobene Formen, knote, spanne und dehne sie bis zur Belastungsgrenze. Meine Skulpturen spiegeln eine Balance zwischen radikalen Gegensätzen wider. Glatte Oberflächen werden mit Farbe und Kunstharz vernarbt und verschmutzt, massive Formen ins Schweben versetzt, scheinbar unkontrolliert wuchernde Formen durch architektonische Raster und Grundrisse gebändigt.

Holz ist im Moment das Material, mit dem ich am liebsten arbeite. Für meine Raumkonstruktionen nutze ich oft Konstruktionsholz, das auch im Hausbau verwendet wird. Mir gefällt die Anmutung einer einfachen Holzkonstruktion. Hin und wieder greife ich auch auf hochwertiges Buchenholz zurück, dessen Härte ich mag und das sich nur schwer bearbeiten lässt.

Internal Structure, 2016, Holz - Entstehungsprozess

Internal Structure, 2016, Holz – Entstehungsprozess

Ich arbeite gerade an einer Holzskulptur. Die Auseinandersetzung mit dem harten Material scheint manchmal wie eine Art „Kampf“. Ich bearbeite es mit der Hand und es dauert sehr lange, bis ich die Formen bekomme, die ich haben möchte. Bei diesem Prozess spielt Zeit eine sehr große Rolle, entsprechend meinen Fotoarbeiten, wenn ich mich mit dem Medium Lochkamera-Fotografie oder Fotogrammen beschäftige. In meinen Fotoarbeiten habe ich oft auch sehr lange Belichtungszeiten oder ich arbeite mit Fotoprozessen, die sehr viel Zeit benötigen, bis ich zu meinen Ergebnissen komme.

Sie arbeiten auch mit Fotografie?

Parallel zu meine Installationen beschaeftige ich mich momentan wieder mit Fotogrammen. Ich arbeite gerade an einer Foto-Serie, die ich auf Lanzarote begonnen habe. Dabei habe ich die Negative, zum Teil aus mehreren Bildausschnitten, auf einer Folie ausbelichtet und zusammen collagiert. Darüber “zeichne” ich mit Vulkanstaub, den ich ebenfalls direkt auf das Fotopapier stäube, das Bild weiter. Auf meinem Fotopapier überlagere ich dann mehrere Schichten aus den unterschiedlichsten Komponenten – entsprechend meiner Installationen und dreidimensionalen Arbeiten, bei denen ich auch sehr oft mehrere Teile zusammenfüge, die eigentlich nicht unbedingt zusammengehören.

Gibt es Vorbilder, Inspirationen, die Sie besonders beeinflussen?

Natürlich beobachte ich Arbeiten anderer Künstler, die mich zuweilen sogar auch interessieren. Meist sind es jedoch die Bilder, die mir im Alltag begegnen, die mich wirklich inspirieren. Diese Bilder kann ich nicht suchen, sie begegnen mir vielmehr, wenn ich die nötige Gelassenheit habe, sie auch zu sehen und zu erkennen. Ich beginne dann eine sehr umfangreiche Recherche und die Inhalte verdichten sich. Dann setzt mein künstlerischer Prozess ein und ich transformiere diese Bilder, ohne die Dinge direkt anzusprechen, oft auch in sehr persönliche Zustände.

Überlagerungen, Verschmelzungen von Zuständen, das Nicht-kontrollieren-Können von bestimmten Begebenheiten, Zweifel und Befindlichkeiten, sind die Impulse, aus denen meine Werkgruppen entstehen und mit denen ich mich meist über einen längeren Zeitraum auseinandersetze. Um pure Funktionalität, Verantwortung und Pflichtbewusstsein lodert blindes Getriebensein, kopfloses Suchen und ein Besessensein. Die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten und die Grenze hin zum Wahnsinn oder dem Absurden sind immer wieder Thema meiner Arbeiten. 

Sandra Meisel, herzlichen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit!

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